Europa, Kontinent der Versöhnung?
40 Jahre nach dem Besuch Willy Brandts in Warschau
Konferenz am 7. Dezember 2010 im Königsschloss Warschau
Aufzeichnung der Reden vom 7.12.2010 im Museum des Warschauer Aufstands anlässlich der Ausstellungseröffnung: „Willy Brandt und Polen – Die Teilung Europas überwinden“
Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, Frau Anke Fuchs
 
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Herr Ministerpräsident, meine Herren Botschafter, liebe Freundinnen und Freunde, Frau Ministerin, herzlich willkommen liebe Gesine Schwan!
Wir erinnern uns heute an den historischen Besuch Willy Brandts in Warschau und an die Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags vor vierzig Jahren. Der Vertrag von Warschau sollte „einen Schlussstrich setzen unter Leiden und Opfer einer bösen Vergangenheit“. Er sollte, so sagte Willy Brandt damals in einer Fernsehansprache, „eine Brücke schlagen zwischen den beiden Staaten und Völkern“.

Der Besuch des ersten sozialdemokratischen Kanzlers der Bundesrepublik in Warschau im Dezember 1970 leitete einen grundlegenden Neubeginn in den Beziehungen zwischen Polen und Deutschen ein.
Wir erinnern uns an diesem Tag auch an den Kniefall Willy Brandts vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettos. Wenn man die Filme sieht, denkt man: Das war doch gestern.
Dieses Bild des knieenden Willy Brandt ist zum Symbol geworden. Zum Symbol dafür, die Vergangenheit anzunehmen und sie als Verpflichtung zur Versöhnung zu begreifen.
In Deutschland hatten wir große innere Auseinandersetzungen, denn in unseren Familien war die Frage: Wie behandeln wir die Heimatvertriebenen? Umso wichtiger war die Ostpolitik, um mit der Aussöhnung Frieden zu schaffen.
Ab 1971 hat auch die Friedrich-Ebert-Stiftung – nicht zuletzt dazu aufgerufen von ihrem Kuratoriums-mitglied Willy Brandt – erste Kontakte nach Polen geknüpft. Durch die Begegnung, das Gespräch, den Informations- und Erfahrungsaustausch wollten wir um Vertrauen werben als Voraussetzung für einen Abbau von Vorurteilen und die Errichtung eines gutnachbarlichen Verhältnisses gerade auch zu jenen Staaten, die besonders unter dem Terrorregime des Nationalsozialismus gelitten haben.
Auch jene Prozesse, die in den 1980er Jahren zu einer Revolution in Polen damit zur Initialzündung für die demokratischen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa 1989 geführt haben, wurden von uns unterstützt. 1990, vor zwanzig Jahren, war dann unser Büro in Warschau eine der ersten Vertretungen der Friedrich-Ebert-Stiftung in den Reformstaaten Mittel- und Osteuropas.

Wenn wir heute etwas gelernt haben, dann kommen wir wieder zurück zu Willy Brandt, der ja als Nazi-Gegner aus dem Ausland zurückkehrte und die Schuld für die Deutschen auf sich nahm, obwohl er selbst keine Schuld trug. Das war das Bewegende an diesem Kniefall und deshalb hat er so große Wellen geschlagen. Im Grunde waren wir Sozialdemokraten damals selbst auch über das Besondere dieses Kniefalls überrascht. Wir haben uns schnell gesammelt und waren stolz auf unsere Führung, die mit uns zusammen diesen neuen umstrittenen Weg ging.
Heute können wir sagen: Das Verhältnis von Deutschland zu Polen ist ein Ausgesöhntes. Wir erwarten von Polen Engagement in Europa, zusammen mit Deutschland und Frankreich die Speerspitze zu bilden für Veränderungen. Wir können nun zurückblicken auf diesen Kniefall vor 40 Jahren und freuen uns, dass die Entwicklung soweit gelungen ist, dass wir freundschaftlich zusammenarbeiten können. Ich finde es auch wichtig, für die jungen Leute deutlich zu machen:
Hier hat sich eine Geschichte zum Positiven entwickelt - sie ist nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis von politischen Entscheidungen und politischer Tatkraft. Diese muss man auch heute wieder sammeln, wenn man etwas verändern will. Insofern ist der Kniefall ein Symbol für Veränderungsmöglichkeiten in der Politik, auf die wir uns heute besinnen sollten.

Das vierzigste Jubiläum der Unterzeichnung des Warschauer Vertrages vom 7. Dezember 1970 hat das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Anlass genommen, die Ausstellung „Willy Brandt und Polen. Die Teilung Europas überwinden“ zu entwickeln. Sie beleuchtet den schwierigen, letztlich aber erfolgreichen Weg der deutsch-polnischen Beziehungen. Die Politik Willy Brandts war mutig und notwendig. Sie war damals in Deutschland heftig umstritten. Die Geschichte aber hat Willy Brandt Recht gegeben.
Ich freue mich, dass Sie heute bei der Ausstellungseröffnung dabei sind. Über die Ausstellung möchte ich nun keine weiteren Worte verlieren. Dafür haben wir zwei ausgewiesene Experten gewinnen können: Auf polnischer Seite Włodzimierz Cimoszewicz, Ministerpräsident der Republik Polen a.D. und Egon Bahr, ehemaliger Bundesminister sowie intimer Kenner und Begleiter Willy Brandts und seiner Ostpolitik. Ich danke Ihnen für Ihre Mitwirkung und freue mich nun auf die Eröffnung. 
Vielen herzlichen Dank.