Europa, Kontinent der Versöhnung?
40 Jahre nach dem Besuch Willy Brandts in Warschau
Konferenz am 7. Dezember 2010 im Königsschloss Warschau
 
Aufzeichnung der Reden vom 7.12.2010 im Museum des Warschauer Aufstands anlässlich der Ausstellungseröffnung:        „Willy Brandt und Polen – Die Teilung Europas überwinden“
Egon Bahr
Sehr geehrter Herr Direktor,
ich gratuliere Ihnen zu diesem Museum. Ich kenne kein Museum, das mich so berührt und so bewegt hat. Und das ist am Ende dieses Tages der Tropfen gewesen, der bei mir das Feld der Emotionen fast zum Überlaufen gebracht hat. Gestatten Sie deshalb, dass ich einige meiner Gefühle hier erläutere.
Die Erinnerung an den Anfang, an das Wort der polnischen Bischöfe, das zu uns nach Deutschland, die Bundesrepublik, hinüberdrang, wie die Stimme aus einem halben Gefängnis, die sich trotzdem über die Mauern und Stacheldrähte hinweg bewegt.
Und dann das Wort von Rapacki,das ebenso eine Ermutigung war,dass in dem sogenannten Blockselbständige Stimmen - eine polnische Stimme, nicht zufällig - zu hören waren.
Als wir in der großen Koalition unsere Ost- und Entspannungspolitik überlegten, hat mich Brandt nach Wien geschickt. Da war Jakob Stehle, der lange in Polen gearbeitet hat und mich zusammen gebracht hat mit einem polnischen Diplomaten. Der erste Mensch, dem wir in aller Ausführlichkeit unsere Gedanken, Absichten, Motive erläutert haben, war ein Pole. Und erst später kam dann der erste Amerikaner, Henry Kissinger, bevor die Regierungserklärung überhaupt in Bonn abgegeben war.
Wir haben kein Echo bekommen aus Warschau und haben erst bei dem Besuch hier in Warschau 1970 erfahren, aufgrund welcher Ängstlichkeit oder Vorsicht der Bericht, der Polen als erste informiert hat, auf einem Tisch hängen oder liegen geblieben war, aber den Adressaten gar nicht erreicht hat. Die Realität, heute zu sehen, was sich verändert hat über alles hinaus, was man sich auch nur vorstellen oder erträumen konnte, ist fantastisch. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, wenn mein Freund Willy noch leben würde, würde er sich genauso wie ich tief, tief freuen über alles was seither passiert ist.
Ich möchte Frau Anke Fuchs herzlich danken, weil die Überschrift des heutigen Tages und unserer Diskussionen genau war: „Europa - Kontinent der Versöhnung? 40 Jahre nach dem Besuch Willy Brandts in Warschau.“ Exakt, der Kniefall kommt da gar nicht vor, und das ist auch richtig. Der Kniefall existiert sowieso. Erstaunlich, dass darüber nach 40 Jahren noch diskutiert wird. Das Wichtige, worüber man diskutieren muss, ist die Versöhnung.
Lassen Sie mich sagen, dass das etwas ist, was in meinem Land besonders schwierig ist. Bundeskanzler Helmut Kohl hat in der ersten Regierungserklärung nach der Einheit gesagt, das nächste große Ziel sei die innere Einheit. Die innere Einheit ist nur durch Versöhnung zu erreichen. Versöhnung heißt in diesem Falle, dass die, die am meisten gelitten haben, noch einmal etwas leisten müssen, das stimmt. Ohne Versöhnung ist keine innere Einheit zu erreichen, wir haben sie noch immer nicht erreicht 20 Jahre danach. Ich nehme aus dieser Stadt ein großes Geschenk mit in der Hoffnung, dass es bei mir zuhause gut verstanden wird, es zeigt nämlich, dass Versöhnung zwischen Deutschland und Polen möglich ist, ohne dass dies bedeutet, dass man die Vergangenheit vergessen muss. Wir werden Auschwitz nie vergessen können, wollen, dürfen, aber das hält uns nicht davon ab, die Versöhnung zwischen unseren beiden Völkern für möglich zu halten. Herzlichen Dank dafür.